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Oktober 2007
Mein Onkel Hermann hatte zur Geburtstagsfeier geladen, da ich in 2007 eh viel zu wenig Fahrrad gefahren bin und für Mitte Oktober gutes Wetter zu erwarten war, war schnell der Entschluß gefasst, wenigstens einen Teil des Hin- und Rückwegs mit dem Rad zu fahren. Die GDL hatte für den 12. Oktober Streiks im Nahverkehr angekündigt, also wenigstens die Anreise könnte schonmal spannend werden ...
Bad Lippspringe, Paderborn, (Bahnfahrt), Duisburg, -/Ruhrort, Alt-Homberg, Baerl (am Rhein lang), Orsoy, Budberg, Rheinberg, Millingen, Alpen, Bönninghardt, Hamb, Kapellen, Wetten, Kevelaer, Wissen, Weeze, Hees
82 km
Geplant hatte ich eine Direktverbindung nach Duisburg, Abfahrt ab Paderborn HBf um 09:09 Uhr, zu nehmen ... nach einem Blick auf die aktuellen Abfahrtszeiten stand fest, dass dieser Zug wegen des Streiks ausfällt; nächste Möglichkeit um 09:21 Uhr. Um 08:30 Uhr gehe ich aus dem Haus und fahre los ... in Paderborn am Bahnhof werden Karten gekauft, ich versorge mich mit belegten Brötchen und einem Pott Kaffe, nehme die RB 39814 bis Hamm, wo wir pünktlich ankommen. Schnell auf Gleis 11 gespurtet und dort gesehen, wie der RE nach Aachen pünktlichst um 10:16 Uhr abfährt. :-( Also rüber auf Gleis 12 und siehe da: RE 10314 nach Düsseldorf fällt aus.
in Hamm - GDL sei Dank ...
RE 4316 nach Düsseldorf soll um 10:44 Uhr fahren; also
rüber auf Gleis 10 ... mit gut 5 Minuten Verspätung geht es dann
los -- bis Duisburg hatten wir dann fast 50 Minuten Verspätung eingefahren.
Der Zugbegleiter nahm die außerplanmäßigen Halte (um
Fernverkehrszüge überholen zu lassen) mit Humor und hatte auch
ansonsten ein paar gute Sprüche auf Lager:
"Leider kann ich Ihnen keine Anschlüsse nennen, da sich
unser Server dem Streik angeschlossen hat und keinen Ton mehr von sich
gibt ..."
"In Wagen 2 sitzt eine 8-er Damengruppe mit
Tickets für 10 Personen und sucht zwei gutaussehende Schwarzfahrer,
die sich dazugesellen möchten..."
Im Regionalexpress nach Düsseldorf
In Duisburg angekommen gleich die nächste Überraschung: der HBf liegt nicht an den Straßen Am Bahnhof oder Bahnhofstraße ... wo ich ihn vermutet hatte! Also kurz auf dem Stadtplan auf dem Vorplatz orientiert und ab ins Getümmel -- und prompt verfahre ich mich am Nordhafen, lande vermutlich in Meiderich. Eine nette Postzustellerin hat mir aber den Weg zur Rheinbrücke erklärt, so dass ich diese dann ohne weitere Umwege gefunden habe:
Friedrich-Ebert-Brücke in Duisburg
Die Friedrich-Ebert-Brücke (L287, Rheindeichstr.) ist gut auf dem Radweg befahrbar, dieser ist vor der Brücke leicht zu erreichen und dahinter ebenso einfach zu verlassen, weist keinerlei Hindernisse auf. Dort ist es auch wesentlich einfacher für ein Foto kurz anzuhalten, als auf der Fahrbahn.
Am Brückenkopf des Westufers stehen rechts und links der Straße zwei imposante Türme, deren (historische) Bedeutung mir unbekannt ist. Leider war es zur Mittagszeit trotz steigender Temperaturen zum Leidwesen des Photographen in mir immer noch ziemlich diesig ...
Brückenkopf der Friedrich-Ebert-Brücke
Von der Brücke aus hat man einen schönen Blick auf den Eingang zum größten Binnenhafen der Welt.
Hafen Duisburg
Auf der linken Rheinseite wollte ich von der Rheindeichstraße (L287) in die Rheinstraße abbiegen, erwische aber einen vorher abzweigenden Feldweg ... in sehr gemächlichem Tempo geht es also am Rhein entlang mit Blick auf zum Teil durchaus interessante Bauwerke der Industriekultur.
Indurstriearchitektur
Kurz vor der Eisenbahnbrücke mündet der Feldweg in die Rheinstraße.
Eisenbahnbrücke, dahinter BAB 42
Die Rheinstraße ist anfangs gut ausgebaut und zügig befahrbar, ab dem Abzweig nach Baerl (Niederhalener Dorfweg) ist der ufernahe Weg jedoch nicht mehr empfehlenswert: aufgebrochener Asphalt, Schlaglöcher und geschotterte Abschnitte wechseln sich ab ... mehr als 15 km/h kann man dort zumindest mit Gepäck nicht dauerhaft fahren.
Rheinstraße bei Baerl
An der Fähranlegestelle Woltershof (anscheinend ohne aktiven Fährbetrieb) biege ich in die Woltershofer Straße ab und fahre über Binsheim nach Orsoy. Auf der L155 geht es via Budberg nach Rheinberg und dort mitten durch den Ort. Kurz vor Eingang Rheinberg meint ein Jugendlicher auf einem "Fitnessbike" (auf dem Rad_weg rechts neben der von mir genutzten Fahrbahn) noch, mich zu einem Rennen herausfordern zu wollen -- ich habe auf sowas aber gar keine Lust, gehe nicht auf ihn ein und kurbele entspannt weiter, laut Tacho 28 km/h ... der Junge zieht an mir vorbei, im Ort hole ich ihn dann wieder ein. :)
Da die Alpener Straße in Rheinberg auf den ersten Metern "Dr.-Aloys-Wittrup-Str." heißt, verpasse ich diese Abfahrt erst und muss noch einmal umkehren ... auf der K31 geht es weiter über Millingen und Huck nach Alpen.
Alpen
In Alpen gilt es tatsächlich einen kleinen Hügel zu queren, der von den Einheimischen (ich hatte wieder eine nette Postzustellerin nach dem Weg gefragt) respektvoll als Berg bezeichnet wird. Auf der L491 komme ich durch Bönninghardt, biege auf die K20 Richtung Hamb ein und gelange auf der L362 nach Kapellen.
Die Landschaft rundherum ist wirklich schön, viele Felder und Waldstücke, bietet aber auf der Durchreise wenig Foto-Motive ... vielleicht ist mir diese Ecke des Niedderheins aber auch zu vertraut, als dass ich im Vorbeifahren noch Besonderheiten sehen würde. Jedenfalls kenne ich einige Gegenden, wo das Fahrradfahren weitaus weniger Spaß macht. Leider gibt es auch hier viel zu viele überflüssige Rad_wege neben den Landstraßen, oftmals viel zu schmal und in schlechtem Zustand, im Herbst kommen noch Laub, Kastanienschalen etc. hinzu ... Immerhin bleiben die Autofahrer recht entspannt, wenn man als Radfahrer solche Wege nicht benutzt und auf der sichereren Fahrbahn fährt.
Von Kapellen fahre ich über L480 und L486 nach Wetten, wo ich mir beim Bäcker eine Cola verabreiche und meine Trinkflasche mit Isogetränk fülle. Auf der Marienstraße geht es nach Kevelaer, dort ist gerade Baustelle (neuer Kreisverkehr), durch die ich einfach hindurch fahre, um via Hoogeweg und Rosenbroecksweg die Hauptverkehrsstraße Kevelaers zu umfahren.
An der B9 entlang fahre ich Richtung Weeze, in Wissen biege ich in die Hegenerstraße ein, fahre über Laar nach Weeze, auf der L361 (Weller Straße) weiter zur Hees, wo mich ein eingedeckter Kuchentisch erwartet. :-)
Hees, Weeze, Uedem, Kehrum, Rees, (Werth), Bocholt, Rhede, Borken, Heiden, Reken, Maria-Veen, Merfeld, Dülmen, Seppenrade, (Olfen) Selm, Südkirchen, Werne, Stockum, Bockum, Hamm, (Bahnfahrt), Paderborn, Bad Lippspringe
171 km
Nach dem Frühstück starte ich kurz vor 10 Uhr von der Hees, mache in Weeze einen kleinen Abstecher, um mich von meiner Oma zu verabschieden. Auf der L5 geht es nach Uedem, dort mitten durch den Ort und auf der L5 weiter in Richtung Marienbaum. Die Sonne kommt heraus und rasch steigen die Temperaturen, also wechsele ich zu einem dünneren Langarmtrikot.
Radweg an der L174 zwischen Uedem und Kehrum
Bei Delsenhof biege ich auf die L174 nach Kehrum ab, am Radweg stehen Schilder "Radwegschäden" -- allerdings ist der Radweg noch in einem Zustand, wie man ihn sich andernorts wünschen würde ... nur ein paar plan gefräste Verfwerfungen und aufgefüllte Schlaglöcher. Bei Kehrum wechsele ich auf die B67, welche sich dank eines sauberen und breiten Seitenstreifens absolut problemlos befahren läßt. Bald komme ich an den Rhein und die Rhein-Brücke bei Rees.
Rhein-Brücke (B67) Rees
Von der Brücke aus kann man linker Hand das (linksrheinisch gelegene) Kernwasser Wunderland Kalkar sehen. Das 1986 fertiggestellte, aber nie in Betrieb genommene Kernkraftwerk "Schneller Brüter" wurde 1995 von einem Niederländer als Freizeitpark einer weitaus weniger gefährlichen Verwendung zugeführt.
Kernwasser Wunderland Kalkar
Auf der anderen Seite der Brücke hat man einen guten Blick auf die Stadt Rees, laut Wikipedia die älteste Stadt am unteren Niederrhein. Wer in der Gegend ist und genügend Zeit mitbringt, sollte auch einen Besuch im Archäologischen Park Xanten einplanen.
Rees
Hinter Rees wird der Seitenstreifen der B67 schlechter, besteht weitestgehend nur noch aus holperigen Betonplatten ... ich wechsele also auf die Fahrbahn, wo es sich trotz steigender Verkehrsdichte problemlos fahren läßt. Bei Werth wird die B67 zur Kraftfahrstraße, ich weiche über L896 und L605 aus, komme nach einem Stop für's zweite Frühstück durch Liedern, erreiche gegen 12:15 Uhr Bocholt.
In Bocholt muss ich Rose biketown nicht lange suchen, da dies
direkt an der Einfallstraße liegt. Und wie es sich für einen
der größten Fahrrad-/Teilehändler gehört findet man dort
nicht nur um die 100 (geschätzt) KFZ-Parkplätze sondern auch
unzählige Abstellmöglichkeiten für Fahrräder ...
Naja, immerhin sind's solide Anlehnbügel und keine Felgenquetscher.
Da ich mir ein paar Dinge ansehen und auch mal zur Beurteilung
in die Hand nehmen wollte, verbringe ich mehr als 1 1/2 Stunden
bei Rose ...
Rose biketown: 100 KFZ-Stellplätze und 10 Fahrradbügel
In Bocholt werden noch Proviant und Trinkflaschen aufgefüllt, dann geht es mitten durch die Innenstadt -- die chaotischste Verkehrsführung, die ich seit langem gesehen habe: im ZickZack durch schmale Straßen, alle 50 m eine andere Fahrtrichtung ... Ich orientiere mich nur anhand der Fernwegweisung (Borken/Münster) und gelange so auf der L602/L572 nach Rhede, wo die Landstraße am Eingang zur Hohen Mark wieder zur B67 wird.
Da es mittlerweile richtig warm geworden ist, ziehe ich die langen Klamotten aus und setze den Rest der Fahrt in kurzem Trikot und kurzer Radhose fort.
Durch landwirtschaftlich geprägtes, leicht welliges Land am Nordrand der Hohen Mark komme ich nach Borken -- eine Stadt wie der wahr gewordene Alptraum eines Fahrradfahrers. Radwege wohin man blickt, allerdings selten benutzbar -- wegen des Zustandes, darauf stehender KFZ oder der mangelhaften Beschilderung. Mir kommt dies gut gelegen, auf der Fahrbahn läßt sich Borken recht zügig durchqueren. Die Innenstadt ist gar nicht mal hässlich, ich will aber ohne Aufenthalt weiter.
Am Ortsausgang (ich orientiere mich Richtung Dülmen) die nächste Überraschung: die B67 ist wieder Kraftfahrstraße ... also fahre ich auf der L600 nach Heiden und Reken -- ich weiss nicht genau auf welchen Wegen (meine Übersichtskarte war doch zu wenig detailreich), jedenfalls gelange ich durch die verschiedenen Rekens und Maria-Veen irgendwie wieder auf die L600 und nach Merfeld. Die Landschaft wird hier zunehmends welliger, wenngleich sehr nett anzusehen. Ein kleiner Imbiss-Stop an einer Tankstelle und weiter durch Dülmen in Richtung Lüdinghausen.
Am Ortseingang Dülmen begrüßt mich ein Schild "Fahrradfreundliche Stadt Dülmen" -- ich ahne nichts gutes und sollte recht behalten: noch zwanghafter als in Borken wurde jeder Gehweg mit einem blauen Radweg-Schild versehen, handtuchbreite "Schutz"streifen führen Fahrradfahrer ohne Sicherheitsabstand an parkenden Autos vorbei. Dann muss ich leider noch sehen, wohin dieser Rad_weg-Zwang immer wieder führt: ein Mädchen wurde auf einem linksseitigen Rad_weg angefahren, ihr ist zum Glück nichts passiert (siehe Pressemeldung zum Unfall).
Rad_weg-Unfall in Dülmen
Ich orientiere mich Richtung Lüdinghausen, komme so auf die leicht hügelige B474 nach Seppenrade, fahre weiter Richtung Olfen, wo die B474 in die B235 mündet. Auf manchen Abschnitten kommen in mir Zweifel an meiner Kondition auf, so schwer drehen sich die Pedale -- die Gegend ist aber so subtil wellig, dass man Steigungen teils einfach nicht sieht und sich nach der Anstrengung dann wundert, woher auf einmal die langgezogene Abfahrt kommt. :-) Bei Olfen biege ich ab auf die B236, deren Rad_weg wegen Baustellen nicht befahrbar ist ...
In Selm überlege ich kurz in die nächste Bahn zu steigen, entschliesse mich dann doch für die Weiterfahrt. Wie ich zuhause herausfand war das eine gute Idee: Selm hat nur eine Verbindung im Stunden-Takt nach Dortmund, ich hatte gerade eine Bahn abfahren gesehen ...
Also fülle ich nochmal meine Trinkflaschen an einer Tankstelle, fahre auf einer beschaulichen Nebenstraße über Ondrup und Disselbrede nach Südkirchen. Dort geht es kurz auf die L810 und bei der Westerbauerschaft auf die nächste Nebenstraße (K8) nach Werne.
Ab Werne orientiere ich mich nur noch nach den Wegweisungen Richtung Hamm, gelange so auf der L507 durch Stockum nach Bockum -- hier ist wieder der industriell geprägte Charakter einer Wirtschaftsregion zu spüren ... ehrlich gesagt: schön ist's da nicht gerade. Bei Stockum kommt man an einem (Kohle-?) Kraftwerk der RWE vorbei, einerseits sind solche Anlagen schon ein beeindruckender Anblick, andererseits ein sehr ernüchternder, wenn man mal wieder darauf gestossen wird, woher der Strom kommt, den man verbraucht.
Bei rasch zunehmender Dämmerung stelle ich fest, dass ich vermutlich schon längere Zeit mit Licht gefahren bin -- ja, so ein Nabendynamo und LED-Beleuchtung sind schon was feines. ;-) Ich folge den Schildern Richtung Hamm-Zentrum und finde Gefallen daran, bei Dunkelheit durch die künstlich beleuchtete Großstadt zu fahren ... am Hafen vorbei und schon ist der Bahnhof ausgeschildert, den ich auch sofort finde.
Am Automaten ziehe ich mir Tickets, ein jugendlicher Punk profitiert von meiner guten Laune und schnorrt sich 'nen Euro von mir. Die Regionalbahn um 19:16 Uhr hat 15 Minuten Verspätung, auf dem Bahnsteig verputze ich die letzte Hälfte aus der Tüte Weingummis. Mein Reisebergrad weckt das Interesse eines Herrn auf Geschäftsreise, so kommen wir ins Gespräch: ich erkläre ihm AZ, meine Beleuchtungsanlage und die anderen Sonderanbauten, wir philosophieren ein wenig über die Unzulänglichkeiten des Bahnverkehrs ... so vergeht die Wartezeit schneller als gedacht, die RB fährt ein und wir zockeln nach Paderborn.
Mit 15 Minuten Verspätung kommen wir in Paderborn an, ich ziehe wieder lange Klamotten über und rolle gemütlich die letzten 12,5 km nach Hause. Nach einer ausgiebigen Dusche schaue ich auf den Tages-km-Zähler, lasse die Tagestour noch einmal kurz Revue passieren und bin zufrieden.
ENDE
© 2007 Marcus Endberg